FAQ zum Webinar “Der Weg zu 1,5 Grad”? – Vorstellung & Diskussion der 1,5°C-Studie des Wuppertal Instituts für FFF

Hier geht's zur Aufzeichnung des Webinars: Hier klicken

1. CO2-Budget/ CO2-Senken - Wieso ist ein CO2-Budget so wichtig?
Das CO2-Budget zeigt an, wieviele Mengen an CO2-Emissionen noch freigesetzt werden dürfen, bevor das 1,5°C-Ziel nicht mehr erreichbar ist.

Dass ein EU-weiter Konsens über das Ziel der Klimaneutralität 2050 besteht ist ein erster wichtiger Schritt. Viel wichtiger als dieses große Ziele in weiter Zukunft ist jedoch der Weg dorthin. Denn für Umwelt und Natur spielen vor allem der Verlauf der Kurve hin zur Klimaneutralität, d.h. das Integral unter dieser Kurve (=Die Menge an CO2, die Ausgestoßen wird), eine entscheidende Rolle. Je später wir anfangen, unsere Emissionen radikal zu reduzieren, desto desaströser werden die Klimafolgen aussehen. Ein CO2-Budget hilft somit vor allem, die wichtigen Zwischenziele 2030 und 2040 so anzupassen, dass wir eine reelle Chance haben, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Um mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit das 1,5°C-Ziel zu erreichen, bedeutet das laut der Wuppertal-Studie konkret:

“Insgesamt dürften dafür nach Berechnungen des IPCC weltweit ab 2018 noch maximal 580 Gt CO2 emittiert werden (IPCC 2018a). Für Deutschland bleibt gemäß dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) ab dem Jahr 2020 noch ein Restbudget von 4,2 Gt CO2.”

Grafik aus der Wuppertalstudie:



2. Grüne Position/ Parteiprogramm - Welche Position vertreten die Grünen zum 1,5°C-Ziel?
Wir als Partei Bündnis90/ Die Grünen stellen uns ganz klar hinter die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Maßnahmen, die von Bundes- oder Landesregierungen sowie im Europäischen Parlament verabschiedet werden, die Begrenzung der Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad zum Ziel haben.

Hier geht’s zum Beschluss der BDK von Oktober 2019: https://cms.gruene.de/uploads/documents/Wirtschaft-Handeln-und-zwar-jetzt-Beschluss-BDK-11-2019.pdf


Ein großer Meilenstein wird unser neues Grundsatzprogramm,das am 21./22. November bei der ersten digitalen Bundesdelegiertenkonferenz abgestimmt wird.

Auf gruene.de kannst Du den Parteitag im Livestream verfolgen.


Auch auf der baden-württembergischen Landesdelegiertenkonferenz haben wir Grüne klargestellt, dass das 1,5°C-Ziel Grundlage und Rahmen aller Grünen Politik sein muss.

Hier geht’s zum Beschluss der LDK: https://www.gruene-bw.de/ldk-2019-mit-zukunft-haben-wir-erfahrung/



3. Mobilität der Zukunft - Wie muss 1,5°-kompatible Mobilität in der Zukunft aussehen?
Ein wesentlicher Schritt zur Vermeidung von CO2-Emissionen ist wie in allen Sektoren die Vermeidung von Verkehr,z.B. durch die Digitalisierung von Verwaltungs- und Arbeitsprozessen.

Doch auch dann werden mit unseren aktuellen Mobilitätsformen zu viele Treibhausgase emittiert. Daher muss ein wichtiger Schritt die Entwicklung weg von der motorisierten Individualmobilität sein- hin zu Rad- und Fußverkehr sowie dem ÖPNV. Dazu müssen vor allem unsere Städte grundsätzlich umgestaltet werden um sich an diesen klimaverträglichen Mobilitätsformen zu orientieren. Das beinhaltet für uns auch ganz klar ein Ende des Verbrennungsmotors im Jahre 2030.

Zudem bedarf es einen wirklich grünen Energieeffizienzsteigerung. Die Mobilität der Zukunft muss auf Erneuerbare Energien basieren. Außerdem müssen Bürger*innen die Möglichkeit haben, die vielfältigen Verkehrsmittel bedarfsorientiert und situativ zu nutzen. Dazu braucht es eine intensive Vernetzung dieser Verkehrsmittel.



4. Erneuerbare - Wie kann die Umstellung auf 100% Erneuerbare Energien politisch gefördert werden?
Es gibt in Deutschland und der EU noch viel Potential für erneuerbare Energien, das unbedingt genutzt werden muss. Ganz nebenbei lässt sich damit die Energieversorgung auch näher an die Bürger*innen bringen und damit ein Beitrag zur Demokratisierung dieses wichtigen Wirtschaftssektors geleistet werden. Wir wollen bürgernahe, dezentrale Energiesysteme fördern. Wenn Bürger*innen selbst ihren Strom produzieren und profitieren, wenn ihre Produktion den Eigenbedarf übersteigt, kann das auch die Akzeptanz für Erneuerbare steigern.



5. Wasserstoff(importe) - Welche Rolle kann Wasserstoff spielen?
Wasserstoff wird für bestimmte Anwendungsfälle eine wichtige Rolle spielen, etwa in der Stahlherstellung. Um dem Klima zu nützen, muss es aber natürlich grüner Wasserstoff sein, der hier zum Einsatz kommt. Das heißt, dass er aus erneuerbarem Strom hergestellt wird und nicht etwa aus Erdgas oder Atomstrom. Um den Bedarf an grünem Wasserstoff zu decken, ist es daher essentiell, die Erneuerbaren massiv auszubauen. Importe sind nur dann sinnvoll, wenn die Exportländer zuerst ihren gesamten eigenen Bedarf mit erneuerbaren Energien decken und nur Überschüsse zur Wasserstoffproduktion für den Export verwenden. Davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Wasserstoff ist daher ein kostbarer Energieträger und kann nur dort zum Einsatz kommen, wo die Dekarbonisierung anders technologisch nicht möglich ist.



6. Rolle von Gas - Welche Rolle spielt Erdgas in der Energiewende?
Durch die Nutzung von Erdgas werden nicht nur bei der Verbrennung, sondern vor allem auch bei Förderung und Transport große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt. Daher müssen wir aus der Nutzung von Erdgas, ebenso wie Kohle und Öl, so schnell wie möglich aussteigen. Investitionen in neue Infrastruktur für Gas sind daher das falsche Signal. Auch Versprechungen über die spätere Umrüstung dieser Infrastruktur auf Wasserstoff sind mit Vorsicht zu genießen, denn das ist technisch gar nicht so ohne weiteres möglich. Die finanziellen Mittel dafür sollten daher besser  in erneuerbare Energien oder in die Stärkung von Energieeffizienz investiert werden.



7. Rolle von Atomkraft - Welche Rolle spielt Atomkraft?
Viele Ländern, wie unter anderem Frankreich oder Großbritannien setzen bei ihren Klimastrategien stark auf Atomkraft als CO2-neutrale und “klimafreundliche” Energiequelle und wollen diese ausbauen um ihre Klimaziele zu erreichen.

Das ist aus unserer Sicht ganz klar eine falsche Entscheidung. Atomkraft birgt nach wie vor zu viele Risiken um sie als nachhaltige und zukunftsfähige Energie ansehen zu können. Fragen wie die der Endlagerung des Atommülls sind auch nach Jahren der Suche nicht beantwortet.

Zudem ist Atomkraft eine in der Herstellung sehr teure Energieform. Gerade aufgrund des stark eingeschränkten Standort-Potentials ließe sich durch Atomkraft global niemals eine relevanter Anteil des Energiebedarfs befriedigen.



8. Ressourcen/ Postwachstum?/ Kreislaufwirtschaft - Für die Erreichung der Klimaneutralität werden neben finanziellen
Mitteln auch natürliche Ressourcen benötigt. Wie können wir damit umgehen, dass diese Ressourcen begrenzt sind?
Um mit der Knappheit von Ressourcen umzugehen, müssen wir Effizienzsteigerung und Kreislaufwirtschaft fördern - aber wir müssen auch unser Wirtschaftswachstum überdenken. Wenn wir die vorhandenen Ressourcen gerechter verteilen, reicht es auch ohne endloses Wachstum für ein gutes leben für alle.



9. Renovation Wave - Welche Rolle spielen Gebäude für das erreichen des 1,5°-Ziels?
Die Rolle von Wohn- sowie Industriegebäuden ist eine sehr wichtige für die Reduktion unsere Treibhausgas-Emissionen, da diese einen stagnierend hohen Energieverbrauch aufweisen.

Um diesen Energiebedarf zu senken, spielt die Sanierung energieineffizienter Gebäude eine Schlüsselrolle. Die aktuelle Sanierungsrate beträgt in Deutschland 1%- sie müsste laut der Wuppertalstudie jedoch um mindestens ein vierfaches höher liegen um das 1,5°C-Ziel in erreichbare Nähe zu rücken. Dazu muss sichergestellt sein, dass energetische Sanierungen für Private und Unternehmen erschwinglich und möglichste bürokratiearm umsetzbar sind.

Hier setzt auch die EU-Politik mit der gerade vom Europaparlament beschlossenen Renovation Wave an. Neben der Verdopplung der Sanierungsrate sollen dabei Themen wie die Bekämpfung von Energiearmut und die Schaffung von neuen, nachhaltigen Arbeitsplätzen vorangetrieben werden.

Technische Lösungen wie Fernwärmenetze, Wärmepumpen und Solar müssen schließlich eingesetzt werden um den übrigen Energiebedarf des Gebäudesektors so klimafreundlich wie möglich zu decken.



10. Subventionen, Kohleausstieg(sgesetz) - Wie können die Mittel für die notwendigen Investitionen aufgetrieben werden?
Der Investitionsbedarf für die notwendige Transformation ist hoch. Aber wenn wir aufhören, fossile Energien zu subventionieren und in geheimen Deals Milliardengeschenke an große Unternehmen zu machen, wie bei den viel zu hohen Entschädigungen im Rahmen des Kohleaussteigs in Deutschland (die wahrscheinlich europarechtswidrig sind), werden auch hohe Summen frei. Um das am Beispiel Energiewende in Deutschland zu verdeutlichen: Die Bundesregierung schätzt, dass dafür bis 2050 ein Investitionsbedarf von 550 Mrd. Euro besteht. Das ist natürlich viel Geld, aber gleichzeitig bekommen fossile Energien Subventionen von ca. 37,5 Mrd Euro pro Jahr. Damit könnte der Bedarf für die Energiewende sogar deutlich vor 2050 gedeckt werden. Auch die Corona-Rettungsgelder müssen in den Umbau zur Klimaneutralität fließen, zum Beispiel auf europäischer Ebene die Gelder aus dem Next Generation EU Fond. Als Grüne setzen wir uns auch dafür ein, dass internationale Abkommen wie der Energiecharta-Vertrag, durch die multinationalen Unternehmen teils immense Entschädigungssummen für Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen zugesprochen werden, geändert werden.
Viele Investor*innen wollen auch in zukunftsfähige Technologie investieren. Es fehlt hier weniger an Geld oder Bereitschaft und mehr an Flächen und Infrastruktur, um grüne Investitionen möglich zu machen. Hier können und müssen Staaten eingreifen.



11. Just Transition, Jobs - Wie kann ein sozialverträglicher Wandel aussehen?
Dass Klima- und Sozialpolitik keine Gegensätzlichkeiten darstellen, haben die letzten Jahre deutlich gezeigt. Sozialpolitik muss Klimapolitik stets mitdenken- sowohl auf globaler als auch auf nationaler oder kommunaler Ebene. Denn es sind gerade die Menschen, die am wenigstens zur Klimakrise beitragen, die schon heute (und noch viel mehr in den kommenden Jahren) unter deren Folgen zu leiden haben- sei es aufgrund von extremen Dürren auf dem afrikanischen Kontinent, von Rekord-Waldbränden im Amazonas oder aufgrund der Tatsache, dass vor allem Menschen mit einem geringen Einkommen gezwungen sind an Orten zu leben, wo die Lust besonders durch Gifte und Abgasen belastet ist.

Die größte Herausforderung in Deutschland ist der Strukturwandel von Regionen, in denen viel zu lange auf veraltete Energien und Technologien gesetzt wurde. Ob Kohleabbaugebiete wie das Rheinische Kohlerevier oder die Lausitz oder auch das baden-württembergische Autoländle- wichtig ist, dass die Menschen vor Ort bei jeder klimapolitischen Entscheidung mitgedacht werden. Dazu müssen wir Instrumente schaffen, die unter anderem das Potential der Erneuerbaren auch in Hinsicht auf Arbeitsplätze so weit wie möglich ausschöpft. Wenn wir diese zukunftssicheren Wirtschaftszweige massiv fördern, kann die Energiewende auch in diesen Regionen ein nachhaltiger Jobmotor sein und den gesellschaften Wohlstand weiter fördern.


12. Was passiert, wenn wir das 1,5°C-Ziel verfehlen - Können wir sicher sein, dass wir das 1,5°C-Ziel noch erreichen können? Was passiert, wenn wir dieses Ziel verfehlen?
Es stimmt, dass sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen lässt, ab wie viel zusätzlichem Treibhausgasausstoß wir die kritische 1,5°C-Marke überschreiten werden. Es lohnt sich aber, um jedes Zehntel Grad Erwärmung zu kämpfen. Der Weltklimarat hat in seinem Sonderbericht zum 1,5°C-Ziel eindrücklich aufgezeigt, wie groß der Unterschied zwischen 1,5°C und 2°C ist. Zum Beispiel wird der Meeresspiegelanstieg um mindestens einen Meter höher ausfallen, dreimal so viele Insektenarten werden mindestens die Hälfte ihres Habitats verlieren und 37% statt 14% der Weltbevölkerung werden mindestens alle fünf Jahre extremer Hitze ausgesetzt sein. Dieser Unterschied kann über die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen entscheiden, weswegen die Einhaltung des 1,5°C-Ziels Priorität sein muss. Ebenso wie zwischen 1,5°C und 2°C gibt es aber auch noch Unterschiede zwischen 2°C und den 4°C, auf die wir uns aktuell zubewegen. Statt ganz und gar in Diskussionen über Ziele und Wahrscheinlichkeiten hängen zu bleiben, sollten wir uns daher darauf konzentrieren, so schnell wie möglich den Treibhausgasausstoß zu reduzieren.

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