18.06.2026
Auf der Agenda des Europäischen Rates steht heute Europas wirtschaftliche Abhängigkeit von China. Gestern debattierte bereits das Europaparlament über den richtigen Umgang mit Peking.
Michael Bloss (Klima- und Industriepolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament) kommentiert:
"Die EU muss aufhören, in den industriellen Abstieg zu schlafwandeln. Allein in Deutschland sind seit 2021 über 400.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen, während chinesische Produkte unsere Unternehmen Stück für Stück vom Weltmarkt verdrängen. Das Handelsbilanzdefizit mit China wächst täglich um eine Milliarde Euro und die Bundesregierung schaut tatenlos zu.
Längst geht es nicht mehr nur ums Auto. Maschinenbau, Chemie, der gesamte industrielle Mittelstand stehen als Nächstes auf der Liste. Die Solarindustrie haben wir auf genau diese Weise schon verloren. Mit dem naiven Kurs gegenüber Peking drohen wir, denselben Fehler ein zweites Mal zu machen – nur diesmal mit ungleich größerem Schaden.
Wer den Weg zurück in die Technologie von gestern propagiert, rettet keinen einzigen Arbeitsplatz. Er verschenkt den Weltmarkt von morgen. Was wir brauchen, ist klar: Wir müssen das Gewicht des europäischen Binnenmarkts nutzen, um mit China auf Augenhöhe zu verhandeln. Und wir brauchen endlich eine echte europäische Industriepolitik – mit gezielter Förderung von Batterieproduktion, Halbleitern und grüner Spitzentechnologie.
Der Industrial Accelerator Act mit seinem ‚Buy European'-Prinzip ist genau der richtige Anfang: Er schützt unsere Wertschöpfung, unsere Standorte und unsere Arbeitsplätze. Dass ausgerechnet die Bundesregierung diese Schutzinstrumente blockiert, ist industriepolitisch verantwortungslos. Wer Europa ausbremst, macht Deutschland und die EU schwächer.
Der heutige Gipfel ist die Gelegenheit zur Kurskorrektur. Die Staats- und Regierungschefs müssen jetzt liefern, bevor der nächste Sektor verloren ist."
Hintergrund
China-Schock 2.0. führt zu Deindustrialisierung
Ökonomen sind sich inzwischen weitgehend einig, dass eine zweite Welle des „China-Schocks" über die internationalen Güter- und Rohstoffmärkte rollt. Kaum ein Land trifft sie härter als Deutschland. Das Tempo ist atemberaubend: Chinas Ausfuhrvolumen wuchs 2025 mehr als doppelt so schnell wie der Welthandel und legte Anfang 2026 noch einmal um 15 Prozent zu.
Wie tief die Wunde sitzt, zeigt eine Analyse von Jürgen Matthes vom IW Köln. Als das China-Geschäft 2021 seinen Zenit erreichte, sicherte die dortige Endnachfrage direkt wie indirekt etwa 1,1 Millionen Stellen in Deutschland, knapp 2,5 Prozent aller Erwerbstätigen. Weil die China-Ausfuhren gemessen am BIP seither um mehr als 40 Prozent eingebrochen sind, dürften inzwischen über 400.000 Arbeitsplätze verschwunden sein. Tendenz weiter fallend. Der Außenhandel spiegelt diesen Absturz: Für 2025 sind die deutschen Lieferungen von Waren und Dienstleistungen nach China auf nur noch rund 93 Milliarden Euro geschrumpft, fast 30 Prozent weniger als 2021. Chinas Anteil an allen deutschen Ausfuhren fiel damit von 8,4 auf 5,2 Prozent.
Die gesamtwirtschaftlichen Spuren sind unübersehbar. Allein seit 2023 hat Deutschland drei Prozent seines BIP an Nettoexporten eingebüßt, und Goldman Sachs rechnet damit, dass Chinas Exportoffensive die deutsche Wachstumsrate bis 2029 jährlich um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte drücken könnte. Ein Bericht des französischen Planungsamtes warnt sogar, dass der chinesische Wettbewerb mittelfristig bis zu 70 Prozent der deutschen Produktionsleistung bedrohen könnte. Selbst Bereiche, in denen sich Deutschland in China lange behaupten konnte, brechen weg und seit Mitte 2025 bezieht Deutschland mehr Investitionsgüter aus China, als es dorthin liefert, ein symbolträchtiger Wendepunkt.
Europa kann es sich nicht leisten, bei der Elektromobilität zu bremsen
Der globale Automobilmarkt bewegt sich schnell, mit Rekordverkäufen von Elektrofahrzeugen in nahezu 100 Ländern. Europa läuft dabei Gefahr, in den schrumpfenden Teil des Marktes gedrängt zu werden. Allein auf China (den bisher größten Absatzmarkt) entfallen 30,6 % der weltweiten Verkäufe von PKWs. In China ist der Marktanteil ausländischer Automobilhersteller von 64 % im Jahr 2020 auf unter 31 % im Jahr 2025 eingebrochen.
Gleichzeitig wurden 9,3% der im Dezember 2025 in der EU verkauften Neuwagen in China hergestellt. Die europäischen Einfuhren chinesischer Fahrzeuge schnellten von rund 2 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 12,6 Milliarden Euro 2024 in die Höhe, trotz neuer Zölle. Allein 2025 erreichten Chinas Pkw-Ausfuhren 922.000 Einheiten, ein Plus von 29 Prozent, und in den ersten beiden Monaten 2026 beschleunigte sich das Tempo auf 214.000 Fahrzeuge, 62 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Die Konsequenzen sind eindeutig: Europäische Hersteller werden zunehmend auf das schrumpfende Segment der Verbrennungsmotoren beschränkt, während chinesische Hersteller den Wachstumsmarkt der E-Mobilität dominieren. Bei den Autoverkäufen in China im Jahr 2025 hat die Marktdurchdringung neuer Elektrofahrzeuge bereits 50 % überschritten. Während unter den von Januar bis Juli 2025 in China verkauften neuen reinen Elektrofahrzeugen (BEVs) chinesische Marken mehr als 75 % ausgemacht haben, behielten ausländische Marken mehr als die Hälfte des schrumpfenden Segments der Verbrennungsmotoren (ICE). Das Festhalten an Verbrennungsmotoren und Plug-in-Hybriden (PHEVs) würde Europas Automobilindustrie daher nicht schützen. Es würde den Markt für die Autos der Zukunft den chinesischen Wettbewerbern überlassen.
Doch Europas Industrie ist bereits in Bewegung: Über 60 % der Automobilunternehmen geben an, beim Übergang zur Elektromobilität weit fortgeschritten zu sein, und Europas E-Mobilitäts-Ökosystem hat bereits fast 200 Milliarden Euro an zugesagten Investitionen angezogen. Diese Investitionen sichern bereits weit über 150.000 Arbeitsplätze, wobei bis 2030 mit vielen weiteren gerechnet wird. Das reicht noch nicht, aber es ist die richtige Richtung. Die Aufgabe besteht nun nicht darin, den Wandel zu verlangsamen, sondern der Industrie einen klaren und stabilen Rahmen zu bieten, um zu skalieren und in der Schlüsseltechnologie der Zukunft aufzuholen.